FW: Suche meinerseits




Von: "Rainer Kyster"
Gesendet: 27.03.08 16:37:09
An: Betreff: Suche meinerseits

Hallo Marion,

mache ich mich also dies Mal auf den Weg und suche die Ente? Mein Problem besteht gerade in der Kommunikation. Irgendwie klappt es da nie so richtig, und ich weiß nicht genau, woran das liegt. Ich hatte vor Jahren eine intensive mail-Kommunikation mit der Mutter meiner Schwiegertochter. Doch irgendwann fiel mir auf, daß diese Kommunikation, die wegen gemeinsamer Interessen angefangen wurde gar keine Kommunikation war. Ich bekam keine Antworten auf meine mails, ich bekam praktisch die eigenen mails in anderer Form zurück. Da es sich um philosophische und auch Fragen des Schreibens von Romanen handelte wurden meine Überlegungen von der Dame in Form von Fragen an mich zurückgesandt, natürlich verklausuliert als Meinung.

Beim Nanoblog hatte ich mich in erster Linie beteiligt, weil ich enorme Schwierigkeiten habe Geschichten zu schreiben. Ich hoffte auf Kontakte zu Gleichgesinnten, die - und das war ja auch der Fall - meine Selbstzweifel zerstreuen könnten, die mich seit mehr als zehn Jahren hinderten Ideen umzusetzen, an denen kein Mangel besteht. Der Mangel besteht in der Begabung.

Ich bin Sozialwissenschaftler ich kann Strukturen und deren Wirkungsweise analysieren und erklären, ich kann dies sogar anhand von Beispielen recht gut verdeutlichen, aber ich kann es eben nicht in Form von Geschichten erzählen. Die Ratschläge einschlägiger Bücher über creative writing, von denen ich schon zu meiner Schul- und später Studienzeit einige durchgearbeitet habe gehen von Szenarien aus, mit denen ich wenig anfangen konnte. Was will ihr Protagonist? Gute Frage, aber meine Protagonisten wollen eigentlich nichts spezielles, sie sind in Situationen befangen, die ihr Handeln bestimmen. Oder nimm den Ratschlag auf jeder Seite möglichst einen Konflikt zu haben. Was soll denn der Mist? Meine Figuren haben keine solchen Konflikte, und dies gilt weitgehend für alle 13 Romanideen mit denen ich zur Zeit rumspiele. Auch eventuelle Konflikte ergeben sich aus den Umständen, die sich wiederum im Verlauf der Beschreibung der Handlungen der Figuren ergeben.

Beim NaNoWriMo habe ich zumindest festgestellt, daß ich in der Lage bin talking heads zu schreiben, und zwar ziemlich schnell, denn nach 16 Tagen hatte ich meine 56.000 Worte fertig gehabt. Damit ergab sich das nächste Problem, das ich wegen des Fehlens jeglicher Kommunikationsmöglichkeit allein auf mich gestellt hätte lösen müssen: wie mache ich die Figuren deutlich, wie die Schauplätze meiner Handlung, wie den Background der Schauplätze?

Auf der Suche nach einer Lösung dieser Probleme stieß ich dann auf eine website, die irgendwer aus dem Nanoblog erwähnt hatte, eine amerikanische Website, die als recht umfangreiche Gemeinschaft organisiert ist und ein eigenes Internetmagazin hat, dessen Beiträge sehr inspirierend sind. Doch fehlt natürlich der feedback, da ich nun einmal nicht in Englisch sondern in Deutsch schreibe.

Je intensiver ich mich mit dieser site beschäftigte um so mehr entdeckte ich dort. Die beiden entscheidenden Damen, die dieses Projekt leiten haben e-books geschrieben, die sich mit dem Romanschreiben beschäftigen, im einen Fall ein zweibändiges Buch, das auf einem Schreibkurs beruht, der in 104 Kapiteln verspricht einem all das beizubringen, was die Autorin, die unheimlich kommunikativ ist, über das Schreiben weiß.

Nun versuche ich diese Schritte auf meine Ideen für Geschichten anzuwenden, was - da es sich um fantasy-Autorinnen handelt - nicht immer ganz einfach ist, und natürlich auch noch zu keinen richtigen Ergebnissen geführt hat.

Wenn wir also eine mail-Kommunikation zustande brächten, bei der wir solche und ähnliche Probleme wälzen könnten, wäre das wirklich phantastisch, denn wie gesagt, um deine Fähigkeiten einfach Geschichten zu schreiben, in denen Handlungen vorkommen, die lebendig sind, oder Schauplätze sichtbar werden, beneide ich dich schon ein wenig. Ich bleibe immer irgendwie im Erklären stecken und muß dies irgendwie auch akzeptieren. Doch da also meine Geschichten im Entwurf talking heads werden sollten, muß ich einen Weg finden, beim Überarbeiten jene Aspekte des Romans ins Bild zu bringen, die aus einem Hörroman einen Sehroman machen könnten.

Es ist schon recht frustrierend Ideen zu haben, die ich erklären kann, aber nicht über die technischen Mittel zu verfügen diese Zusammenfassungen in Einzelszenen zu zerlegen, die das illustrieren, was ich vor meinem geistigen Auge durchaus lebhaft wahrnehme.

Meine Idee zweier Planeten gehört sicher in den Bereich des science fiction, doch da es sich eben in erster Linie um soziale Zusammenhänge handelt, die ich in einer romanhaften Form darstellen will helfen mir jene Tips wenig, die mit technischen Spielereien althergebrachte Konflikte illustrieren.

Hinzu kommt erschwerend, daß mir beim Lesen von Romanen deutlicher als früher auffällt, was die "erfolgreichen", da veröffentlichten Autoren alles falsch machen, zumindest so machen, daß ich wortreich begründete Kritik an ihrem Schreiben anmelden kann. Im Moment lese ich Christel die Buddenbrooks vor und ich kann mich nur wundern, wie man für einen solchen Schund den Nobelpreis bekommen konnte. Oder ich lese die Romane zu Filmen, die ich gesehen habe, und muß feststellen, daß einige dieser Romane echte amerikanische Hausfrauenromane sind, bei denen sich die Frage stellt, warum ich damit meine Zeit vertrödele. Andererseits muß ich zugeben, daß einige der Autorinnen die ich in letzter Zeit gelesen sehr gekonnt mit dem Medium umgehen, selbst wenn der Inhalt trivial ist.

Die besten Bücher, die ich in den letzten drei, vier Monaten gelesen habe stammen von Barbara Kingsolver. Aber auch Jane Rule ist eine großartige Autorin und ganz besonders begeistert hat mich der Roman Lisa Sees Der Seidenfächer. Dumm nur, daß ich genau das nicht hinbekomme, was diese Frauen hinbekommen, und eben auch nicht genau weiß, wo genau der Fehler bei meinem Schreiben liegt. Ein anderer Roman, der mir sehr gut gefallen hat war Margaret Forster: Ein Zimmer, sechs Frauen und ein Bild obgleich ich da einiges an Kritik anmelden konnte.

Da ich annehme, daß du mit dem Schreiben keine Schwierigkeiten hast, kannst du mir ja bei Gelegenheit einmal erklären, wie man es anstellt einfach eine Geschichte zu schreiben, ohne sich selbst ständig mit der eigenen Kritik im Weg zu stehen, und wenn diese schweigt mit Vorstellungen, die sich nicht umsetzen lassen?

ein immer noch frustrierter R. K. der aber zumindest seinen Tagesablauf soweit organisiert hat, daß er sich immer häufiger der Beschäftigung mit dem Romanschreiben widmen kann. Es ist nämlich gar nicht so leicht, aus einer Erklärer- und Kommentierexistenz in eine Erzählerexistenz umzuschwenken, allzu sehr steckt es einem im Blut bestimmte Dinge ausführlich zu analysieren um sie dann in ellenlangen Dagbognotizen oder ebenso ellenlangen Kommentaren in eingescannte Bücher niederzuschreiben.




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